Im vergangenen Jahr wurden alarmierende Wissenslücken zum Holocaust unter jüngeren Deutschen bekannt.1 Wissen ist ein wesentlicher Baustein zur Stärkung unserer Demokratie. Wer versteht, wie der Nationalsozialismus auch in der eigenen Stadt möglich wurde, kann dazu beitragen, dass es nie wieder geschieht. Lange Zeit wurde die Aufarbeitung der regionalen NS-Vergangenheit verdrängt, auch in Ingolstadt: Exponierte Persönlichkeiten konnten hier nach Kriegsende reibungslos ihre Karrieren fortsetzen und hatten Einfluss auf die Deutungshoheit über die Stadtgeschichte. Durch die symbolische Aberkennung der Ehrenbürgerwürden für NS-Belastete hat der Ingolstädter Stadtrat in dieser Legislaturperiode den Weg geebnet für einen offenen Diskurs über die langen Schatten des Nationalsozialismus in Ingolstadt. Das Gesicht der Stadt hat sich verändert: Erstmals wurde im vergangenen Jahr mit Hugo Höllenreiner eine Straße nach einem Überlebenden des Völkermordes an Sinti und Roma benannt. Auf Initiative von Schulen konnten viele Gedenkzeichen für NS-Opfer realisiert werden – Geschichtsvermittlung mit Bezug zum eigenen Lebensumfeld wirkt besonders eindringlich. Regelmäßig werden Ingolstädter Bildungs- und Kultureinrichtungen zu Reflektionsräumen für unsere demokratischen Werte z.B. durch Begegnungen mit Zeitzeug*innen bzw. ihren Nachfahren. Antisemitisch und antiziganistisch motivierte Straftaten erreichten 2024 einen Höchststand in Deutschland.2 Gespräche mit Zeitzeug*innen schaffen Empathie für individuelle Schicksale. Sie ermöglichen die persönliche Begegnung mit Jüdinnen und Juden oder Sinti und Roma, was Vorurteile auflösen kann. Der Holocaust-Überlebende Leon Weintraub ist der Überzeugung: „Die mich gehört haben, werden nicht die AfD wählen. Die wissen, dass krankhafter Nationalismus, der andere Menschen herabsetzt, menschenunwürdig ist.“3 Zukunftsorientiertes Gedenken macht Parallelen und Kontiunitäten sichtbar. Erinnern für die Zukunft stärkt unsere Gesellschaft gegen Rechts.
Zur Autorin:
Agnes Krumwiede ist freie Mitarbeiterin beim Projekt „Opfer des Nationalsozialismus“ am Stadtarchiv Ingolstadt, Co-Kuratorin und Autorin der Ausstellung „,Unsere Menschen‘/Sinti und Roma in Ingolstadt/vor, während und nach der NS-Verfolgung“ (von Oktober 2023-März 2024 am Zentrum Stadtgeschichte Ingolstadt) sowie Herausgeberin und Mitautorin des beim Kugelberg-Verlag
- Tagesschau vom 23.01.2025: „Viele junge Menschen wissen wenig über den Holocaust“ https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/holocaust-wissen-jewishclaimsconference-100.html zuletzt aufgerufen am 02.01.2025 ↩︎
- BKA „Politisch motivierte Kriminalität: Höchster Anstieg seit Beginn der Erfassung/Bundesweite Fallzahlen für 2024 veröffentlicht“ https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/PMK/PMKZahlen2024/PMKZahlen2024.html zuletzt aufgerufen am 02.01.2026 und MIA, Pressemitteilung vom 20.05.2025 https://www.antiziganismus-melden.de/2025/05/21/antiziganistische-straftaten-laut-pmk-statistik-auf-neuem-hoechststand-zahlen-bilden-nur-einen-teil-der-realitaet-ab/ zuletzt aufgerufen am 23.06.2025 ↩︎
- HNA vom 18.12.2025: „Holocaust-Überlebender Weintraub wird 100: ,Ich habe etwas bewirkt‘“ https://www.hna.de/welt/bewirkt-holocaust-ueberlebender-weintraub-wird-100-ich-habe-etwas-zr-94088340.html zuletzt aufgerufen am 02.01.2026 ↩︎