Lebenszeichen im Herzen der Stadt: Wie wir die Innenstadt zurückgewinnen

Einstieg: Leere Schaufenster, volle Straßen.

Was würden Ludwig und Theresia davon halten? Ihnen wurden die prominentesten Straßen der Innenstadt gewidmet und dann das: gähnende Leere. Schaufenster, die nicht mit dem nächsten Kleidungsstück oder dem neuen Produkt werben, sondern die uns entgegenrufen „zu vermieten“. Wo es stattdessen voll wird? Auf der westlichen Ringstraße, im Audi-Kreisel, die Menschen zieht es in den Westpark. Dort kann man umsonst parken und hat „alles auf einmal“. Ein tolles Shopping-Erlebnis? Vielleicht. Ich finde es dort oft stressig, die Luft irgendwie stickig. Lieber wäre ich unter freiem Himmel, echtes Bummeln, um Ecken biegen und etwas Neues entdecken, in der Ludwigstraße oder der Theresienstraße vielleicht, oder auch in der Schrannengasse und den anderen umliegenden Straßen der Innenstadt.

Verkehr & Parken neu ordnen.

Hier ist das Parken nicht umsonst und einige Schritte entfernt am Hallenbad oder Festplatz, aber doch vergleichsweise günstig. Wussten Sie, dass das Parkticket des Reduit-Tilly als Fahrkarte zwischen Brückenkopf und ZOB dient? Weitere Park+Ride-Angebote könnten die gemeinsame Nutzung von Auto und Bus, Leihrad oder Leihroller voranbringen. Denn Ladeverkehr oder das Absetzen von Personen, die zu Arztterminen o.ä. müssen, sollten natürlich erlaubt bleiben, aber laute Wagen, die am Abend wiederholt durch die Altstadtgassen rasen, nur um sich zu präsentieren, die vermisst wohl niemand.

Haben Sie etwas vom Parking Day mitbekommen? Einmal im Jahr, am dritten Freitag im September, verwandeln sich weltweit zahlreiche Parkplätze in bunte und lebendige Orte der Begegnung. In Ingolstadt wurden 2025 Parkflächen in der Theresienstraße umgenutzt. Denn auf einen Autostellplatz kann man vielfältige andere Angebote unterbringen. Beispielsweise passen auf einen Parkplatz für ein Auto rund 10 Fahrräder, 6-12 Sitzplätze für die Gastronomie oder Flächen für Sitzgelegenheiten mit Begrünung. Der Parking Day macht so sichtbar, wie aus Abstellflächen Orte zum Verweilen werden – mit mehr Grün, mehr Begegnung und mehr Lebensqualität mitten in der Stadt.

Und es können langfristige Änderungen ausprobiert werden. So beispielsweise in Aachen: nach einem Parking Day, der Parkflächen für wenige Tage umfunktionierte, entstand ein mehrmonatiges Reallabor, in dem eine Verkehrsberuhigung rund um den Theaterplatz getestet wurde. Jetzt steht fest: die Plätze dürfen weiter für die Geschäfte und umliegende Gastronomie genutzt werden und fließen in eine Umgestaltung des gesamten Platzes mit ein.

Entgegen der verbreiteten Meinung erleben Städte mit verkehrsberuhigten Zonen positive wirtschaftliche Effekte: Der Einzelhandelsumsatz steigt, weil Menschen, die zu Fuß gehen, mehr Zeit in Geschäftsstraßen verbringen. Geschäfte profitieren von der erhöhten Sichtbarkeit und Zugänglichkeit.

Donau als Lebensachse.

Kaum aus der Innenstadt heraus finden wir uns an der Donau wieder, im Sommer brummt der Donaustrand, aber sonst? Werden ihre Ufer eher als Verkehrsschnellwege genutzt. Wieso legen wir uns nicht auf saftig grüne Wiesen am Ufer? Entspannen bei einer Tasse Café direkt am Wasser und beobachten die Wasservögel? Oder lassen uns vom beruhigenden Rauschen entspannen, während wir nach einem Tag bei der Arbeit einen Abendspaziergang machen. Meine Idee für Ingolstadt: Donaustadt werden. Nicht nur als Durchgangsort auf dem Donauradweg, sondern mit dem Fluss als Oase.

Mischnutzung und Pop-up-Nutzungen.

Und genau dasselbe könnte doch auch für die Altstadt gelten. Derzeit leere Flächen wieder nutzen und zwar vielfältig. Obere Geschosse können neuen Wohnraum bieten, während untere Geschosse Handel und Arbeit dienen. Unterschiedliche saisonale Angebote könnten sich genauso abwechseln, wie Kunst & Kultur. Wie wäre es mit einem regionalen Bauernladen in den Frühjahrs- und Sommermonaten und Räumen für Startups, die ihre Geschäftsidee testen wollen? Selbstständige, die sich ein Büro alleine nicht leisten könnten, aber in verschiedener Besetzung die zentrale Lage der Innenstadt gebrauchen könnten?

Für junge Geschäftstreibende wären Kundinnen und Kunden, die direkt Feedback zu Neuem geben interessant. Menschen können Neues entdecken und sich inspirieren lassen. Denn ist das nicht eigentlich der Spaß am Bummeln?

Verschiedene Kulturangebote, die kostenlos Einblick in ihre Arbeit geben, Themen näherbringen und niedrigschwellig auf ihre weiteren Angebote aufmerksam machen. Kurzum: ein lebendiges Ingolstadt mit all seinen Facetten: Den traditionellen Festen, genauso wie den modernen Angeboten einer Großstadt. Und so wieder Leben in die Innenstadt bringen. Mit Aufenthaltsqualität durch mehr Schatten, Sitzgelegenheiten, die zum Verweilen einladen.

Um all dies zu ermöglichen wäre es denkbar eine Art Börse zu veranstalten: Immobilienbesitzer und Interessierte aus Gastronomie und Handel kommen zusammen: gibt es Bedarf nach mehr Raum oder weniger? Geschäfte, die aus der Peripherie in die Innenstadt ziehen wollen und Möglichkeiten Lücken wieder zu füllen?

Von städtischer Seite kann ausgelotet werden, welche Geschäfte sich für die Nutzung als Wohnungen eignen könnten. Wie im vergangenen Jahr können Kulturschaffende weitere Ideen einbringen und zeigen: was schon immer so war, muss nicht für immer so bleiben.

Auch Pop-up Geschäfte, können dazu dienen, dass Geschäftstreibende ihre Ideen erst einmal testen, bevor sie sich in Geschäftsräume einmieten. So zum Beispiel in Am Stein 7, wo Kunst und Handgearbeitetes gezeigt und verkauft wurden. Oder die Ausstellung des Kunstzentrums für besondere Menschen in der Ludwigstraße. Bei der Pop-up-Ausstellung „Chorus of Colors“ wurden Werke von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung präsentiert, welche gemeinsam oder alleine in Workshops Kunstwerke erschaffen haben.


Zur Autorin:

Verena Jürgens absolvierte ihr Masterstudium in Nachhaltigkeitswissenschaften an der Leuphana Universität in Lüneburg und arbeitete mehrere Jahre als Nachhaltigkeitsmanagerin. Nach ihrem Umzug nach Ingolstadt entschied sie sich für eine Ausbildung zur Ergotherapeutin, welche sie derzeit am Berufsbildungszentrum des Klinikums Ingolstadt absolviert.

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