Lieber Sonne als Abhängigkeit: Wie Ingolstadt seine Energie selbst in die Hand nimmt.

Wenn Strom und Wärme teurer werden, merken wir das schnell. Die zusätzliche Belastung spüren wir alle. Auch die Kosten für die Stadt mit ihren Einrichtungen steigen. Gleichzeitig steigt das Gefühl, dass Energie in den vergangenen Jahren unsicherer geworden ist. Schwankende Preise und Krisen wirken bis in den Heizungskeller. Das muss aber nicht so bleiben! Die Gemeinde Hürup bei Flensburg zeigt als Energiemodellregion einen Ausweg: Ein starkes Wärmenetz, Solaranlagen auf kommunalen Dächern und Bürgerbeteiligung sichern dort eine verlässliche, regionale Versorgung. Wie können wir diesem Beispiel folgen und die Verlässlichkeit unserer Versorgung in Ingolstadt sichern?

Strom von hier
Ein Baustein der Lösung liegt direkt auf den Dächern. Auf Schulen, städtischen Gebäuden, Firmenhallen oder Parkplätzen wird der Strom dort erzeugt, wo er gebraucht wird. Photovoltaikanlagen machen Quartiere und Betriebe ein Stück unabhängiger vom Strommarkt. Je mehr wir vor Ort erzeugen, desto weniger müssen wir zukaufen. Das entlastet die Netze und schafft Planungssicherheit.

Wenn die Sonne Pause macht
Doch Strom aus Sonne und Wind steht nicht immer dann zur Verfügung, wenn er gebraucht wird. Hier kommen Speicher ins Spiel. Quartierspeicher können überschüssige Energie aufnehmen und später wieder abgeben, etwa am Abend, wenn viel Strom verbraucht wird. Erzeugung und Verbrauch rücken näher zusammen. Das System wird robuster, die Kosten für den Netzausbau sinken.

Wärme aus der Nachbarschaft
Ingolstadt hat bereits ein Fernwärmenetz. Die Stadtwerke versorgen heute schon viele Gebäude mit CO2-freier industrieller Abwärme. Dieses System muss ausgebaut werden und weitere Stadtteile abdecken. Fernwärmenetze versorgen mehrere Häuser und Straßenzüge, gespeist aus erneuerbaren Quellen oder aus Abwärme, die bislang ungenutzt bleibt. Die Wärme kommt aus der Nachbarschaft.

Verlässliche Strukturen
Eine zentrale Rolle spielen dabei die Stadtwerke. Sie betreiben Netze, bauen Anlagen und planen langfristig. Als kommunales Unternehmen können sie Solarstrom, Speicher und Wärmenetze zusammenführen und smart ausbauen. So entsteht eine Versorgung, die vor Ort organisiert ist und auf die man sich verlassen kann.

Gemeinsam gestalten
Ergänzend gibt es Beteiligungsmodelle, bei denen Bürger*innen sich an Energieprojekten beteiligen können. Das stärkt die regionale Wertschöpfung und sorgt dafür, dass Lösungen zu Ingolstadt passen.

Klimaneutralität bis 2035 ist nicht nur ein abstraktes Ziel. Entscheidend ist für uns Bürger*innen, was es im Alltag bedeutet: Strom vom Dach, ein Speicher im Quartier, ein gut ausgebautes Wärmenetz. Wir in Ingolstadt können diese Ansätze weiterentwickeln – pragmatisch und nah an dem, was Menschen und Wirtschaft hier vor Ort brauchen.

Zum Autor:
Merlin Nagel ist Elektrotechnik-Ingenieur mit Schwerpunkt Energietechnik und als Entwicklungsingenieur in der Automobilbranche für Batteriespeicher und Ladesysteme tätig.